ADHS

Richtige Diagnose stellen!

Aufgrund des komplexen Krankheitsbildes und der Begleiterkrankungen muss der Arzt bei der richtigen Diagnosestellung besonders sorgfältig vorgehen. Zuerst führt er grundlegende Untersuchungen der Körperfunktionen sowie eine Labordiagnostik durch, um körperliche Erkrankungen auszuschließen.

Besteht der Verdacht auf eine ADHS, sollten verschiedene Quellen hinzugezogen werden, bevor die Diagnose gestellt wird:

  • Befragung des Kindes, seiner Eltern, Erzieher und Lehrkräfte
  • Gründliche psychologische Testdiagnostik (z. B. Diagnose-Checkliste oder ein Fragebogen zum Hyperkinetischen Syndrom)
  • Neurologische Untersuchungen
  • Verhaltensbeobachtung in unterschiedlichen sozialen Situationen

Mehrere Therapieansätze

Steht die Diagnose ADHS fest, müssen die Betroffenen und ihre Familien umfassend über das Krankheitsbild informiert werden. Das Ziel einer Therapie ist es, die Leitsymptome Hyperaktivität, Impulsivität und Unaufmerksamkeit in den Griff zu bekommen. Der Patient soll lernen, mit seiner Krankheit umzugehen, sein geistiges Potenzial auszuschöpfen und seine sozialen Fähigkeiten auszubauen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit denen ADHS behandelt werden kann. Die Wahl der Therapie ist vom Schweregrad der Störung abhängig und sollte multimodal erfolgen, das heißt: zusammengesetzt aus verschiedenen, sich ergänzenden Behandlungsbausteinen. Oftmals beziehen Ärzte die Bezugspersonen sowie die Schulen oder Kindergärten der Betroffenen mit ein.

In der multimodalen Therapie können nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten mit der Einnahme von Medikamenten kombiniert werden.

Medikamentöse Behandlung

Nicht jedes Kind mit ADHS benötigt Medikamente. Bevor eine medikamentöse Behandlung begonnen wird, muss eine sehr sorgfältige Einschätzung über Schwere und Dauer der Symptome vorausgehen. Bei mittel- und schwerbetroffenen Patienten kann eine medikamentöse Behandlung neben verhaltenstherapeutischen und pädagogischen Ansätzen sinnvoll sein. Die individuellen Umstände der Erkrankten entscheiden, welche und wie die Medikamente eingesetzt werden sollten. In manchen Fällen können sich Patienten erst durch die Wirkung der Präparate auf eine anschließende Verhaltenstherapie einlassen.

Die Befürchtung, dass ADHS-Medikamente Sucht-fördernd sind bzw. abhängig machen, ist nach derzeitigem Forschungsstand unbegründet. ADHS-Mittel beinhalten jedoch ein gewisses Risiko des Missbrauchs. Die Abgabe des Medikaments erfolgt über ein spezielles Rezept (BtM-Rezept) und darf nur an tatsächlich Erkrankte erfolgen.

Ziel der medikamentösen ADHS-Therapie ist es, die lokale Unterfunktion der Signalübertragung im Gehirn auszugleichen: Die Wirkstoffe der Arzneimittel erhöhen die Konzentration von Dopamin oder Noradrenalin oder sie vermindern deren Abbau. Dadurch verbessern sich die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit der Betroffenen.

Methylphenidat (MPH):
Zur Behandlung von ADHS verschreiben Ärzte am häufigsten Arzneimittel mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Er hat eine stimulierende Wirkung und gehört zu den Derivaten von Amphetamin. Methylphenidat erhöht die Konzentration des Botenstoffs Dopamin und aktiviert bestimmte Gehirnareale. Die Patienten nehmen Methylphenidat in Form von Tabletten oder Kapseln ein, deren Dosierung je nach Beschwerden individuell erfolgt. Der Wirkstoff unterliegt dem Betäubungs-mittelgesetz und ist seit 2011 auch zur Behandlung von Erwachsenen zugelassen.

Atomoxetin:
Atomoxetin, ein selektiver Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer, ist ein neuerer Wirkstoff zur Behandlung von ADHS. Er steigert die Konzentration von Noradrenalin im Gehirn und sorgt dafür, dass die Signalübertragung wieder richtig funktioniert. Die volle Wirkung tritt erst vier bis sechs Wochen nach der erstmaligen Einnahme ein.

Andere Medikamente werden nur in Einzelfällen verordnet. Manchen Patienten, bei denen Methylphenidat oder Atomoxetin nicht wirkt, können Amphetaminpräparate oder Antidepressiva helfen.

Entscheiden sich Betroffene und ihre behandelnden Ärzte für eine medikamentöse Behandlung, so dürfen sie die Nebenwirkungen der Wirkstoffe nicht unterschätzen. Neben Kopfschmerzen, Schlafproblemen oder Verdauungsproblemen kann es auch zu leichten bis schwerwiegenden psychischen Problemen kommen. Deshalb sollte der Beginn einer medikamentösen Therapie langsam und sorgfältig erfolgen. Viele ADHS-Patienten müssen Ritalin nicht unbegrenzt einnehmen, in manchen Fällen kann eine Behandlung aber auch bis ins Erwachsenenalter andauern.

Damit denkbare Nebenwirkungen möglichst vermieden werden, versuchen Ärzte ihre Patienten auf die für sie geringste Dosis einzustellen. Hierzu sind regelmäßige Kontrollen zu empfehlen, um die Therapie individuell anzupassen. Benötigt der Patient keine Medikamente mehr, kann er die Dosis unter Aufsicht seines Arztes schrittweise reduzieren, bis er sie möglicherweise ganz weglassen kann.

Nicht medikamentöse Behandlung

Die Lebensqualität von ADHS-Patienten kann durch unterschiedliche nicht-medikamentöse Interventionen deutlich verbessert werden.

Aufklärung und Beratung
Zu Beginn der Therapie klärt der behandelnde Arzt die Eltern grundlegend über die Erkrankung auf. In speziellen Trainings lernen die Eltern unter anderem, wie sie Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder mit gezielten Maßnahmen verhindern können. Daneben sollten auch die betroffenen Kinder und Jugendlichen altersgerecht informiert werden. Eine weitere kontinuierliche Betreuung und Beratung der Familien und des übrigen sozialen Umfelds (z. B. Erzieher/Lehrer) sind sinnvoll, um den Verlauf der Krankheit positiv zu beeinflussen.

Interventionen in Kindergarten und Schule
Viele Kinder und Jugendliche, die an ADHS leiden, kämpfen mit Problemen im Kindergarten oder in der Schule. Mit speziellen Förderungen durch Schulpsychologen, wie Frühförderung oder Vorschule, kann der Leidensdruck hier vermindert werden. In manchen Fällen hilft den Betroffenen auch ein Schulwechsel.

Psychotherapie
Besonders der Beginn einer Verhaltenstherapie kann ADHS-Symptome deutlich mildern. Hier lernen die Betroffenen, mit ihren Besonderheiten und Problemen richtig umzugehen. Sie erfahren, wie sie ihre Handlungen besser steuern und ein angemesseneres Verhalten im Umgang mit anderen entwickeln können. Um die oftmals belastete Familiensituation zu verbessern, hilft eine gemeinsame Familientherapie, die die Beziehungen untereinander stärken kann. Tiefenpsychologische und psychoanalytische Ansätze können zusätzlich verschrieben werden, um Begleitstörungen wie Ängste oder Depressionen zu lindern oder die Ich-Struktur der Patienten zu festigen.

Ergotherapie
Einigen Kindern und Jugendlichen mit ADHS kann eine begleitende Ergotherapie helfen. Ziel der Therapie ist es, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Motorik zu fördern. Die Patienten lernen in Bewegungsspielen, sich auf einzelne motorische Abläufe zu konzentrieren. In speziellen Rollenspielen können sie sich den sozialen Umgang mit anderen Gleichaltrigen üben. Oftmals beziehen die Therapeuten die Eltern mit ein. Gemeinsam vereinbaren sie eine konkrete Problem- und Zielanalyse, die individuell auf das Kind zugeschnitten sein sollte. Da bislang noch unzureichende evidenzbasierte Wirksamkeitsnachweise vorliegen, wird die Ergotherapie in den meisten Behandlungsleitlinien bisher noch nicht erwähnt. In der Praxis wird die Therapie jedoch häufig angewandt.