Epilepsie

Die Epilepsie hat viele Gesichter

Umgangssprachlich wird heute noch häufig die Unterscheidung zwischen einem Grand mal („großer Anfall“) und Petit mal („kleiner Anfall“) verwendet. Medizinisch verwendet man die Begriffe generalisierte Anfälle, bei denen sich das Anfallsgeschehen von Beginn an in beiden Hirnhälften abspielt, und fokale Anfälle, bei denen der Anfall an einem bestimmten Ort entsteht, sich aber auch im Verlauf auf beide Hirnhälften ausbreiten kann (sekundäre Generalisierung).
Innerhalb dieser beiden Gruppen werden die verschiedenen Anfälle noch weiter unterschieden.

Einteilung gemäß der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE):

Fokale Anfälle Generalisierte Anfälle Nicht klassifizierbare Anfälle
Einfach fokale Anfälle Absencen  
Komplex fokale Anfälle Myoklonische Anfälle  
Fokale Anfälle mit Entwicklung zu sekundär generalisierten Anfällen Klonische Anfälle  
  Tonische Anfälle  
  Tonisch-klonische Anfälle  
  Atonische Anfälle  

Die meisten epileptischen Anfälle, egal ob fokal oder generalisiert, dauern nur wenige Minuten und der Betroffene erholt sich in der Regel alleine.

Es kann jedoch passieren, dass mehrere Anfälle kurz hintereinander erfolgen oder der Anfall außergewöhnlich lange andauert, so dass der Patient keine Erholungspause hat. Dies nennt man auch Status epilepticus. 

Der Status epilepticus kann durch die massiven elektrischen Entladungen zu massiven Schädigungen im Gehirn bis hin zum Tod führen. Er gehört zu den medizinischen Notfällen, bei denen umgehend der Notarzt gerufen werden muss. Dieser kann meist durch Gabe von Benzodiazepinen oder Phenytoin den Status durchbrechen.

Fokaler Anfall

Ein fokaler Anfall liegt vor, wenn das Anfallsgeschehen in einer bestimmten Hirnregion stattfindet. Diesen Herd kann man in der Regel genau lokalisieren, deshalb findet man auch häufig die Bezeichnungen lokalisationbezogene bzw. partielle Anfälle. Im EEG kann man diese örtliche Begrenzung der Anfälle sehr schön durch  eine erhöhte elektrische Aktivität am Herd sehen. Ca. 60 % der Epilepsiepatienten leiden unter dieser Anfallsform.

Die Internationale Liga gegen Epilepsie hat die fokalen Anfälle weiter unterteilt:

Einfach fokale Anfälle
Einfach fokale Anfälle gehen von einem sehr eng umschriebenen Hirngebiet aus. Der Patient behält sein Bewusstsein und kann nachher meist beschreiben, was mit ihm passiert ist. Die Anfälle können sich in Muskelzuckungen innerhalb einer Körperhälfte äußern, aber auch in einer intensiven Wahrnehmung der Sinne, z. B. hören von Geräuschen, Farben werden als greller empfunden oder verstärkter Geruchssinn.

Komplex fokale Anfälle
Patienten, die an komplex fokalen Anfällen leiden, haben während des Anfalls eine Bewusstseinsstörung, die bis zur Bewusstlosigkeit reichen kann. Charakteristisch für diese Anfallsform sind so genannte Automatismen. Darunter versteht man automatisch ablaufende Bewegungsmuster, wie z. B. Schmatzen, Kauen, Kratzen, Zupfen an der Kleidung, tänzelnde Bewegungen etc.. Dazu kommen vegetative  Symptome, wie Hautrötung oder -blässe, Schweißausbrüche oder verstärkte Speichelbildung. Dieser Anfall kann bis zu 15 Minuten dauern, das Ende ist jedoch meist nicht exakt feststellbar, da er langsam verebbt.

Fokale Anfälle mit Entwicklung zu sekundär generalisierten Anfällen
Fokale Anfälle können im Verlauf auf beide Hirnhälften übergehen. Hier spricht man von einer sekundären Generalisierung. Den Herd des Anfalls kann man hier immer noch lokalisieren.

Generalisierte Anfälle

Eine generalisierte Epilepsie liegt vor, wenn man keinen bestimmten Ort (Herd) bestimmten kann, von dem der epileptische Anfall ausgeht und wenn beide Hirnhälften vom Anfallsgeschehen betroffen sind. In der Regel gehen diese Anfälle mit einem Bewusstseinsverlust einher.

Die Internationale Liga gegen Epilepsie hat die generalisierten Anfälle weiter unterteilt:

Absencen
Die Absencen hat man früher als Petit mal bezeichnet. Es handelt sich hier um einen Anfall mit plötzlich beginnenden, kurzen Bewusstseinspausen (meist nur wenige Sekunden) ohne Sturz. Der Betroffene wirkt einfach kurzzeitig abwesend und unterbricht seine Tätigkeit für den Moment. Nach der Absence läuft alles wieder „normal“ weiter. Die Ausprägung ist sehr diskret, so dass man sie vor allem bei Kindern meist erst sehr spät erkennt.

Myoklonische Anfälle
Myoklonische Anfälle sind Anfälle, die mit einzelnen oder unregelmäßigen, wiederholten Zuckungen  - meist im Oberkörperbereich - einhergehen. Sie können sehr heftig ablaufen und treten häufig in der Zeit nach dem Aufwachen auf. Schlafentzug und unregelmäßige Schlafzeiten fördern diese Anfallsform und Betroffene sollten daher einen geregelten Tagesablauf einhalten.

Klonische Anfälle
Klonische Anfälle  gehen mit unwillkürlichen, rhythmischen Muskelkontraktionen einher, die Außenstehende oft als Krampf beschreiben. Im Gegensatz zu den „Myoklonischen Anfällen“ ist hier der ganze Körper betroffen.

Tonische Anfälle
Hier kommt es nicht zu Zuckungen, sondern zu einer plötzlichen Versteifung der Muskulatur. Je nachdem ob die Streck- oder Beugemuskulatur überwiegend betroffen ist, kommt es zur Überstreckung oder Beugehaltung des Körpers. Diese Anfälle dauern in der Regel bis zu 30 Sekunden an und treten bevorzugt aus dem Schlaf heraus auf.

Tonisch-klonische Anfälle
Tonisch-klonische Anfälle gehören zu dem am häufigsten auftretenden generalisierten Anfällen. Früher hat man diese als Grand mal bezeichnet. Sie laufen häufig in mehreren Stadien ab.

Präkonvulsive Phase: Manche Betroffene spüren, dass sie einen Anfall bekommen (Aura). Ihre Stimmung ändert sich, sie können reizbarer sein, aber auch unruhig oder stimmungslabil.

Konvulsive Phase: Der eigentliche Anfall beginnt in der Regel mit einem plötzlichen Bewusstseinsverlust, verbunden mit einem gepressten Schrei und einer Versteifung der gesamten Muskulatur (steht der Betroffene, stürzt er und kann sich verletzen). Nach der Anspannungsphase geht der Anfall in die klonische Phase über und der gesamte Körper zuckt. Hier sieht man auch häufig den „Schaum vorm Mund“ oder den Zungenbiss.

Postkonvulsive Phase: Der Betroffene kommt langsam wieder zu Bewusstsein, atmet wieder, die meisten fallen in einen tiefen Nachschlaf. Nach dem Aufwachen zeugen häufig nur ein Muskelkater oder ein Zungenbiss von dem Anfall - eine Erinnerung daran besteht in der Regel nicht.

Atonische Anfälle
Der Patient verliert bei dieser Anfallsart den Haltetonus. Dies zeigt sich durch ein Absacken des Kopfes, Einknicken der Beine, Absinken von Gliedmaßen, kann aber auch den ganzen Körper betreffen und der Betroffene sinkt in sich zusammen. Die Sturzgefahr ist hier sehr groß.